Der Arztberuf im Spannungsfeld eines überlasteten Systems

Kategorie : Forschung
Authored by Catherine Favre Kruit
Donnerstag 5 November 2026
PD Dr Garnier

PD Dr. med. Antoine Garnier ist einer der fünf Ärztinnen und Ärzte des HFR, die kürzlich den Titel einer Privatdozentin oder eines Privatdozenten erworben haben. In seiner Habilitationsschrift fasst er seine Arbeiten zur klinischen Governance und zur Organisation ärztlicher Arbeit zusammen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Arbeit der Assistenzärztinnen und -ärzte. Mit seinem Ansatz analysiert er deren Alltag, den Umfang der administrativen Aufgaben sowie die Auswirkungen von organisatorischen Veränderungen auf die Qualität der medizinischen Versorgung.

Antoine Garnier startete bereits im Jahr 2015 mit seinen Analysen, seine Erkenntnisse bewahrheiten sich aber nach wie vor: «Beim Wandel der ärztlichen Tätigkeit darf die Frage nach dem Sinn des Berufs nicht ausser Acht gelassen werden.» Der Privatdozent befasst sich im Besonderen mit dem Bereich der Inneren Medizin, wo vorwiegend ältere Menschen mit mehreren, oft chronischen Erkrankungen behandelt werden. Die alternde Bevölkerung, der Druck auf die Gesundheitskosten und die gesellschaftlichen Erwartungen wirken sich erheblich auf die Versorgung stationärer Patientinnen und Patienten aus. «Spitalaufenthalte wurden in den letzten Jahren immer kürzer, mittlerweile zählt jeder Tag», erklärt Antoine Garnier. «Dies veranlasst die Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte dazu, die Betreuung und die interdisziplinäre Koordination rund um die Patientin oder den Patienten stark zu intensivieren».

Zwischen organisatorischen Anforderungen, neuen Technologien und zunehmendem Zeitdruck gilt es, ein Gleichgewicht zwischen der Dauer des Spitalaufenthalts und den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten zu finden. 

«Die Nachhaltigkeit des Gesundheitssystems ist auch Teil der ärztlichen Pflicht», meint der Privatdozent. «Zwar muss die Ärzteschaft die wirtschaftlichen und finanziellen Aspekte im Blick behalten, aber Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte müssen vor dieser Belastung geschützt werden, damit sie sich voll und ganz auf die Patientinnen und Patienten konzentrieren können», ergänzt er.

Die Arbeiten von Antoine Garnier mögen auf den ersten Blick organisatorische Fragen behandeln, im Zentrum seiner Überlegungen stehen jedoch stets die Patientinnen und Patienten. So hat seine Forschung im Bereich der klinischen Governance einen engen Bezug zur Patientensicherheit und der Qualität der Patientenversorgung. «Eine effiziente Arbeitsorganisation und die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt wirken sich nicht nur auf die Kosten aus, sondern tragen vor allem den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten Rechnung. Ihr Spitalaufenthalt sollte nicht unnötig verlängert werden, wenn sich dies vermeiden lässt», betont er.

Antoine Garnier ist stellvertretender Chefarzt des Departements Innere Medizin und Fachgebiete des HFR und Leiter der Abteilung Innere Medizin des HFR Freiburg – Kantonsspitals. Einen grossen Teil seiner Tätigkeit widmet er ausserdem der Aus- und Weiterbildung, welche die Lehrtätigkeit im Rahmen des CAS in Health Management an der Unisanté in Lausanne sowie des Masterstudiengangs Medizin an der Universität Freiburg (Unifr) umfasst. Dabei möchte er Studierende und Fachleute für die Herausforderungen der klinischen Governance sensibilisieren und ihnen entsprechende Denkanstösse mit auf den Weg geben.

Seine Tätigkeiten ermöglichen es ihm, ein Verständnis von Medizin zu vermitteln, das über die klinische Entscheidung hinausgeht und organisatorische sowie systemische Aspekte gleichermassen berücksichtigt, ohne dabei die Frage nach dem Sinn des Berufs ausser Acht zu lassen.
Er wird seine Forschungen im Bereich der klinischen Governance fortsetzen und dabei zahlreiche Bereiche wie neue Technologien, Medizinpädagogik oder auch Medical Leadership vertiefen. An spannenden Impulsen dürfte es ihm damit auch in den kommenden Jahren nicht fehlen.