Paradigmenwechsel in der orthopädischen Chirurgie: Nicht jede Fraktur muss operiert werden

Kategorie : Fachgebiete
Authored by Priska Rauber
Donnerstag 1 Oktober 2026
PD Seidel Chirurgie Orthopédique

PD Dr. med. Angela Seidel hat Sprunggelenksfrakturen untersucht, um herauszufinden, wann eine konservative Behandlung – also ohne Operation – für die Heilung ausreicht und in welchen Fällen ein Eingriff notwendig ist.

Das Ziel: die Patientinnen und Patienten vor Komplikationen zu schützen. «In bis zu zehn Prozent aller Fälle können postoperative Komplikationen auftreten: Bei den Malleolarfrakturen, einem Bruch des oberen Sprunggelenks, entspricht das in der Schweiz jährlich rund 1650 Betroffenen», erklärt die Leitende Ärztin der Abteilung Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des HFR. Malleolarfrakturen gehören hierzulande mit pro Jahr rund 16 500 Fällen zu den häufigsten Fuss- und Sprunggelenksbrüchen.
«Um die Komplikationen zu reduzieren und gleichzeitig gute Ergebnisse sicherzustellen, müssen wir unsere Behandlungsmethoden grundsätzlich überdenken», sagt Angela Seidel.
Zu diesem Zweck hat sie zwei unterschiedliche Aspekte untersucht: zum einen, wie stark ein Sprunggelenk nach einer Behandlung belastet werden kann, zum anderen die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten. Sind sowohl die Gelenksfunktion als auch die Zufriedenheit gut, gilt die Behandlung als optimal. Mit diesem Ansatz lassen sich unnötige Operationen vermeiden.

Die Bedeutung der Patientensicht

In der modernen Forschung rückt die Sicht der Patientinnen und Patienten zunehmend in den Fokus. Dabei werden vermehrt Beurteilungskriterien berücksichtigt, die sich an ihrem persönlichen Erleben orientieren. Angela Seidel hält das für richtig und wichtig. 
Doch in der orthopädischen Chirurgie ist die Vorstellung, wonach die meisten Knochenbrüche operiert werden müssen, nach wie vor weit verbreitet. Da sie selbst Chirurgin ist, stösst ihr Interesse an konservativen Behandlungsmethoden in ihrem eigenen Fachgebiet teilweise auf Kritik. 
Ihre Analysen, ihr Engagement und ihre Erfahrung bestärken sie jedoch in ihrer Haltung.
Nach einem einjährigen Fellowship in Kanada, wo sie sich auf dem Gebiet der Fusschirurgie weiterbildete, möchte sie ihre Forschung nun vertiefen und ihr Team vergrössern. Somit werden künftig immer mehr Patientinnen und Patienten ihre Malleolarfraktur ohne postoperative Komplikationen auskurieren können!