Wenn Essen alles andere als normal ist

Kategorie : Fachgebiete
Authored by Priska Rauber
Montag 5 Oktober 2026
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Unsere Beziehung zum Essen ist keine einfache: Sowohl biologische als auch kulturelle, soziale und psychologische Faktoren mischen am Esstisch mit. Wird dieses Verhältnis gestört, ist Essen nicht mehr nur eine Antwort auf die Bedürfnisse von Körper und Geist, sondern mit Emotionen wie Stress, Schuldgefühle oder einem übermässigen Kontrollzwang verbunden. Es droht eine Essstörung. Da helfen auch neue Behandlungsmethoden wenig.

«Essstörungen entstehen, wenn wir das eigene Sättigungs- und/oder Hungergefühl ignorieren», erklärt Dr. med. Anne-Catherine Barras-Moret, stellvertretende Chefärztin der Inneren Medizin und des Zentrums für Essstörung und Übergewicht am HFR. «Im Verhältnis zu unseren Bedürfnissen essen wir dann zu viel oder zu wenig. Das führt zu Mangelernährung, Anorexie oder – und das ist weitaus häufiger – zu Übergewicht.»

Übergewicht kann viele Ursachen haben. Um Betroffene zu begleiten und ihnen zu helfen, ihr Essverhalten dauerhaft zu ändern, bietet das HFR im Zentrum für Essstörung und Übergewicht eine multidisziplinäre Betreuung in den Bereichen Psychologie, Ernährungsberatung, Chirurgie und Endokrinologie an. 

«Übergewicht ist eine chronische Krankheit, die eine Behandlung erfordert, die bei der Anpassung der Lebensgewohnheiten ansetzt», betont die Spezialistin. «Diese Anpassung ist unerlässlich, damit die Gewichtsabnahme gelingt und nachhaltig ist. Das braucht Zeit. Dank der fachlichen Unterstützung erfolgt die Behandlung Schritt für Schritt und orientiert sich an den Vorlieben, am Umfeld, an der persönlichen Geschichte und den Bedürfnissen der Betroffenen.» Dr. med Anne-Catherine Barras-Moret
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Es ist wichtig, den Teufelskreislauf der Diäten zu durchbrechen. Diese basieren auf Verzicht und strengen Regeln, die Frust erzeugen. Das führt meistens dazu, dass die Diät abgebrochen wird, was wiederum Schuldgefühle auslöst. Das Selbstwertgefühl leidet und letztlich schnellt das Gewicht wieder in die Höhe. Nach mehreren Diäten gerät der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht. Die Kommunikation zwischen Gehirn und Darm bezüglich Hunger und Sättigung ist gestört. Es ist also keine Frage des Willens. «Kann das Gewicht gehalten werden, ist das bereits ein Erfolg», erklärt Anne-Catherine Barras-Moret. Gleichzeitig betont sie, wie wichtig es ist, eine Ernährungsberatung in Anspruch zu nehmen und sich psychologisch begleiten zu lassen. 

Diese Unterstützung und das Wiedererlernen guter Gewohnheiten ist weit hilfreicher als die Einnahme von Wegovy® oder Mounjaro®. Auch wenn diese Medikamente gerade im Trend sind, sind sie vielmehr «Krücke denn Wundermittel», stellt die Spezialistin klar. «Ihr Einsatz kann nur mit professioneller Begleitung erfolgreich sein. Das ist übrigens auch Voraussetzung, damit die Kosten von der Grundversicherung überhaupt übernommen werden. Denn das Medikament beeinflusst zwar das Sättigungsgefühl, nicht aber den Esszwang oder generell das Essverhalten. Ausschlaggebend ist jedoch stets die Anpassung der Lebensgewohnheiten.» 

Die Einnahme geht denn auch mit diversen Indikationen und Kontraindikationen einher:

«Zunächst muss das Medikament den ‹richtigen Personen› verordnet werden», präzisiert Anne-Catherine Barras-Moret. «Es wirkt nicht gegen Hyperphagie.» Das ist eine Essstörung, die mit regelmässigen Essanfällen einhergeht. Dabei werden grosse Mengen an Nahrungsmitteln verzehrt und die Betroffenen leiden unter einem Kontrollverlust.

Damit die Behandlungskosten erstattet werden, müssen zudem bestimmte medizinische Kriterien erfüllt werden. Dazu gehört ein Body-Mass-Index (BMI) von 35 oder höher bzw. ab 28, wenn gewisse Krankheiten wie (Prä-)Diabetes, Hypercholesterinämie oder Bluthochdruck vorliegen. Zusätzlich muss eine Diät mit einem Defizit von 500 kcal/Tag, eine begleitende Ernährungsberatung sowie eine verstärkte und begründete körperliche Aktivität nachgewiesen werden können. 

Die Behandlung muss grundsätzlich von einer Fachärztin oder einem Facharzt (Endokrinologie, Diabetologie, Adipositas-Zentrum) verordnet werden. Sie muss Teil eines umfassenden Therapieprogramms sein und von einer Ernährungsberaterin oder einem Ernährungsberater begleitet werden. Da die Krankenkassen einen Erfolgsnachweis verlangen, muss die Wirksamkeit der Behandlung überwacht und regelmässig beurteilt werden. Die Kosten werden nur dann weiterhin erstattet, wenn in den Monaten nach Therapiebeginn eine messbare Gewichtsreduktion erreicht wird.

Die Kostenübernahme ist auf drei Jahre befristet und kann ausgesetzt werden, wenn das Gewicht zu wenig reduziert wird oder während der Behandlung wieder steigt. Eine erneute Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist in diesem Fall ausgeschlossen. Studien deuten darauf hin, dass nach Behandlungsende eine klare Tendenz zur Gewichtszunahme besteht. Eine fachliche Begleitung ist deshalb unerlässlich.

«Es sind keine Wundermittel», resümiert Anne-Catherine Barras-Moret. «Nur durch eine langfristige Anpassung der Essgewohnheiten – und nicht durch eine punktuelle Spritze – kann das Essverhalten normalisiert und eine nachhaltige Gewichtsstabilisierung erreicht werden. Gut begleitet kann das gelingen.»