Kinderwunschbehandlung
Auf die Welt kommen – ein Kinderspiel? Schliesslich leben heute über acht Milliarden Menschen auf der Erde. Doch diese Zahl täuscht über eine andere Realität hinweg: 15 bis 17 Prozent der Paare sehen sich mit dem Thema Unfruchtbarkeit konfrontiert. Da tritt die Medizin, und mit ihr verschiedene Kinderwunschbehandlungen, auf den Plan.
Während Sie diesen Artikel lesen, teilen Sie sich die Erde mit exakt 8 305 907 anderen Menschen. Was bedeutet, dass – sofern sich die Autorin dieses Textes nicht irrt – jedes einzelne dieser Leben auch irgendwie entstanden ist. Eine Binsenwahrheit, finden Sie? «Man sagt uns, es sei das Natürlichste auf der Welt, ein Kind zu zeugen. Doch in Europa hat jedes sechste Paar Probleme mit der Fruchtbarkeit», erzählt unsere 40-jährige Interviewpartnerin. Wir nennen sie Sophie, denn sie möchte anonym bleiben. Ab 2020 hat Sophie drei Kinder geboren, die es ohne Kinderwunschbehandlung nicht geben würde. Genauer genommen ist es Dr. med. Dorothea Wunder, Leitende Ärztin in der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe am HFR und Spezialistin für Reproduktionsmedizin, und ihrem Team zu verdanken, dass diese drei Kinder das Licht der Welt erblickt haben.
Warum haben Sie sich für eine Kinderwunschbehandlung entschieden?
Sophie: Mein Mann und ich wünschten uns ein Kind. Aber ich hatte so eine Vorahnung, dass es nicht klappen könnte. Ich dachte allerdings, das Probleme läge bei mir, da ich schon immer einen unregelmässigen Zyklus hatte. Wir haben ein Jahr lang versucht, schwanger zu werden. Die Untersuchungen ergaben, dass mein Mann genetisch bedingt zwar Spermien produziert, diese aber die Hoden nicht verlassen können. Es wäre für uns deshalb unmöglich gewesen, ohne fortpflanzungsmedizinische Unterstützung Eltern zu werden. Da habe ich Bekanntschaft gemacht mit Dorothea Wunder – zunächst in Lausanne, nach unserem Umzug dann in Freiburg.
Dorothea Wunder: In der Medizin spricht man von Unfruchtbarkeit, wenn Paare trotz regelmässigem ungeschützten Geschlechtsverkehr länger als ein Jahr auf ein Kind warten müssen. Mit «regelmässig» meinen wir idealerweise zwei- bis dreimal Geschlechtsverkehr pro Woche. Ist eine der beiden Personen älter als 35 Jahre, können wir bereits nach sechs Monaten mit den Untersuchungen beginnen. Ich rate Paaren, nicht zu lange zu warten und medizinischen Rat einzuholen, wenn der Nachwuchs auf sich warten lässt.
Liegt die Ursache für die Unfruchtbarkeit häufiger beim Mann oder bei der Frau?
Dorothea Wunder: Das ist recht ausgeglichen. 30 Prozent der Fälle sind auf weibliche Ursachen zurückzuführen, wie verstopfte Eileiter, eine fortgeschrittene Endometriose oder ein unregelmässiger Zyklus. In 30 Prozent der Fälle liegt die Ursache beim Mann, z. B. durch eine verminderte Zahl oder Beweglichkeit der Spermien oder Spermaantikörper. Weitere 30 Prozent sind auf eine Ursachenkombination zurückzuführen. In 10 Prozent der Fälle ist die Ursache unklar. Wenn, wie im Fall von Sophie, die Frau fruchtbar ist und das Problem ausschliesslich beim Mann liegt, erzielen wir sehr gute Ergebnisse mit der In-vitro-Fertilisation (IVF) mit ICSI. Dabei wird das Spermium direkt in die Eizelle eingebracht.
Was hat Sie bei Ihrer Kinderwunschbehandlung überrascht?
Sophie: Bei der ersten Schwangerschaft waren wir noch etwas blauäugig. In unserer Gesellschaft wird relativ wenig über Kinderwunschbehandlungen gesprochen – und noch weniger über Unfruchtbarkeit. Wir haben uns auf die Kinderwunschbehandlung eingelassen, ohne deren Spielregeln zu kennen. Ein krasser Einstieg also in eine extrem medikalisierte Welt. Während meiner ersten Schwangerschaft hatte ich etwa 15 Arzttermine. Am Ende kennt man die Gynäkologie-Abteilung in- und auswendig! Ich hatte auch viele Ultraschalluntersuchungen. Zunächst sind drei oder vier nötig, um festzustellen, wann die Eizellenpunktion stattfinden soll. Dann folgen drei, vier weitere für den Embryotransfer. Aber wir hatten Glück: Bei meiner ersten Schwangerschaft war die IVF auf Anhieb erfolgreich.
Das war nicht der Fall für Ihre zweite Schwangerschaft?
Sophie: Nein, es hat acht Versuche gebraucht. Das klingt nach viel, doch ich habe eine Freundin, die sich neun Jahre gedulden musste. Dass es, wie bei unserem ersten Kind, gleich auf Anhieb klappt, ist extrem selten. Man darf auch nicht vergessen, dass es Fälle gibt, in denen es – unabhängig von der gewählten Methode – gar nicht klappt.
Entscheidet sich ein Paar für eine Kinderwunschbehandlung, sind die Erwartungen riesig. Wie hoch sind die Erfolgschancen?
Dorothea Wunder: Die Erfolgsrate einer Kinderwunschbehandlung ist stark vom Alter abhängig – in erster Linie vom Alter der Frau, aber auch das Alter des Mannes spielt eine Rolle. Ein Faktor, der lange unterschätzt wurde. Auch die Anzahl der implantierten Embryonen ist entscheidend. Persönlich ziehe ich es vor, nur einen Embryo zu transferieren, um das Risiko einer Zwillingsschwangerschaft zu senken. Bei einem Paar im Alter von 30 bis 35 Jahren liegt die Erfolgschance bei der Übertragung eines Embryos am fünften Tag bei rund 50 Prozent. Dieser Anteil konnte im Laufe der Jahre gesteigert werden dank der Lockerung der Gesetzgebung – seit 2017 dürfen wir Embryonen einfrieren –, aber auch dank der in der In-vitro-Kultivierung erzielten Fortschritte.
Hand aufs Herz: Sie scheinen ein grosser Fan von Dorothea Wunder zu sein.
Sophie: Das ist tatsächlich so. Als ich nach dem Ultraschall erfuhr, dass ich schwanger bin, hat Dorothea Wunder mich in die Arme geschlossen. Einfach unglaublich: eine Ärztin, die dich umarmt, nachdem es geklappt hat! Es zeigt, dass sie sich mit dir freut. Und wenn es nicht geklappt hat, war sie auch traurig. Wir haben unsere Gefühle geteilt, im Guten wie im Schlechten. Und Dorothea Wunder erklärt einfach alles: Man darf nicht vergessen, eine Kinderwunschbehandlung ist komplex! Ärztinnen und Ärzten anderer Kliniken vermittelten mir hingegen oft den Eindruck, alles sei doch ganz einfach. Dorothea Wunder lässt Raum zum Nachdenken und zum Fragenstellen. Du fühlst dich rundum unterstützt. Sie kennt dich und deinen Fall. In ihrer Abteilung werden Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen grossgeschrieben – du fühlst dich gut aufgehoben.