Krebs und Ernährung: So bleiben Sie bei Kräften
Appetitverlust, Übelkeit, Geschmacksveränderungen: Krebsbehandlungen erschweren nicht selten die Nahrungsaufnahme. Doch nach einer Krebsdiagnose ist eine bedarfsgerechte Ernährung elementar, um bei Kräften zu bleiben und den Körper zu unterstützen. Zwei Spezialistinnen des HFR geben Einblicke und räumen auf mit falschen Mythen.
«Während einer Krebsbehandlung ist der Körper stark gefordert und braucht deshalb Kraft und Energie», erklärt Dr. med. Gisèle Montavon, Oberärztin in der Abteilung Onkologie des HFR und Fachärztin für integrative Medizin. Sie rät deshalb in dieser Phase von strengen Diäten ab. Vielmehr gibt sie ihren Patientinnen und Patienten Tipps, wie ausreichend Nahrung aufgenommen werden kann. Denn mittlerweile ist nachweislich belegt, wie wichtig der Erhalt der Muskelmasse ist.
«Onkologische Behandlungen wirken sich auf die Ernährung aus», betont Gisèle Montavon. «Oft kommt es zu Geschmacksstörungen, Übelkeit und Appetitverlust. Das Gewicht wird dann zu einem wichtigen Indikator für die Behandlung.» Wie bleibt man also bei Kräften, wenn die Behandlung auf den Magen schlägt?
Umgang mit Nebenwirkungen
«In dieser Phase ist es besonders wichtig, energie- und proteinreichen Lebensmitteln den Vorrang zu geben, um die Muskelmasse möglichst zu erhalten und bei Kräften zu bleiben», erläutert Julie Vulliamy, Ernährungsberaterin am HFR. «Ziel ist es, die onkologische Behandlung unter den bestmöglichen Bedingungen fortsetzen zu können.»
Fehlt der Appetit, empfiehlt es sich, die Mahlzeiten aufzuteilen und anzureichern. «Die Idee dahinter ist, bei gleicher Portionengrösse mehr Kalorien zu sich zu nehmen», ergänzt die Ernährungsberaterin. Treten Geschmacksveränderungen auf, können die Speisen anders gewürzt werden. Dabei helfen beispielsweise schärfere Gewürze, Kräuter oder mehr Salz.
Bei Übelkeit rät die Onkologin, die für diesen Fall verordneten Medikamente einzunehmen. «Manchmal zögern Patientinnen und Patienten aufgrund ihrer ohnehin schon umfangreichen Behandlung, ein weiteres Medikament zu nehmen. Wir erklären ihnen dann, dass alles wichtig ist, was die Symptome lindert und die Lebensqualität verbessert. Medikamente gegen Übelkeit können dazu beitragen, die oft langwierigen Behandlungen zu überstehen und eine Mangelernährung sowie deren Konsequenzen möglichst zu verhindern.»
Mangelernährung ist in der Onkologie allgegenwärtig. Studien gehen davon aus, dass im Schnitt fast 40 Prozent der Patientinnen und Patienten davon betroffen sind. Bei Krebserkrankungen des Verdauungstrakts sind es gar bis zu 80 Prozent. «Kommen Patientinnen und Patienten zu uns in Behandlung, liegt oft schon eine Mangelernährung vor», erklärt Julie Vulliamy und ergänzt, was auf den ersten Blick paradox erscheinen mag: «Jemand kann übergewichtig und gleichzeitig mangelernährt sein. Wird der Nährstoffbedarf nicht gedeckt, kann trotz eines Überschusses an Fettgewebe Muskelmasse abgebaut werden.» Das Gewicht an sich ist deshalb wenig aussagekräftig. Im Zweifelsfall kann eine Analyse der Körperzusammensetzung aufschlussreich sein.
Von Diäten und Wundermitteln
Die beiden Expertinnen sind sich einig: Bei Empfehlungen und Trenderscheinungen in den sozialen Medien ist oberste Vorsicht geboten. «Fasten, strenge Diäten, Zuckerverzicht oder Gemüsekuren: An Vorschlägen mangelt es nicht», weiss Julie Vulliamy. «Doch es gibt keine Wunderdiäten zur Heilung von Krebs.» Vielmehr können diese zu Mangelernährung führen und einen erheblichen Gewichtsverlust zur Folge haben. «Es braucht manchmal mehrere Sitzungen, um von diesen falschen Vorstellungen wegzukommen», so die Ernährungsberaterin weiter. «Unsere Aufgabe ist es, die betroffene Person dabei zu unterstützen, fundierte Entscheidungen zu treffen, die auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft basieren und auf die eigene Situation zugeschnitten sind.»
Dem schliesst sich Gisèle Montavon an. Auch sie begegnet in ihrer Sprechstunde Patientinnen und Patienten, die sich Fragen zur Ernährung bei Krebs stellen. «Auf der Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse diskutieren und erörtern wir gemeinsam Nutzen und Risiken. Bei einer besonderen Diät ist die Begleitung durch eine Ernährungsberaterin oder einen Ernährungsberater unerlässlich.»
Fachkundige Unterstützung
In jedem Fall raten die beiden Spezialistinnen, den Austausch mit den behandelnden medizinischen Fachpersonen zu suchen. Sie empfehlen, auch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln oder pflanzlichen Präparaten zu erwähnen.
«Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel ist ein lukratives Geschäft, wo ein kranker Mensch zur leichten Beute wird», erklärt Gisèle Montavon. «Jedes Nahrungsergänzungsmittel oder pflanzliche Präparat muss im onkologischen Kontext sorgfältig geprüft werden, um Wechselwirkungen mit den onkologischen Behandlungen zu vermeiden und zusätzliche Nebenwirkungen oder Komplikationen zu verhindern.»
Hilft eine gute Ernährung dennoch bei der Vorbeugung von Krebs? «Dem ist tatsächlich so!» betont Gisèle Montavon. «Für die Krebsprävention, aber auch die Zeit nach einer Diagnose, gibt es klare Empfehlungen des World Cancer Research Fund, welche Lebensmittel bevorzugt oder eingeschränkt werden sollten. Zudem zeigen immer mehr Studien – vor allem zu Brust- und Darmkrebs –, dass sich eine regelmässige und angemessene körperliche Aktivität kombiniert mit einer ausgewogenen Ernährung positiv auf die Überlebenschancen auswirkt.»
Die Krebsliga verfügt über eine eigene Website und zwei Broschüren zum Thema Ernährung und Krebs: ernaehrung.krebsliga.ch
Die Empfehlungen des Word Cancer Research Fund finden Sie hier: https://www.wcrf.org/preventing-cancer/cancer-prevention/our-cancer-prevention-recommendations/