Dem grossen Gähnen auf der Spur
Ob Mensch oder Tier – ja schon der kleinste Fötus tut es. Und das bereits seit Urzeiten. Und doch ist das Geheimnis dahinter bis heute ungelöst: Warum gähnen wir? Ein Erklärungsversuch.
«Es gibt sehr wenig Handfestes über das Gähnen, obwohl wir seit Millionen von Jahren mehrmals täglich gähnen!» Es gebe zwar zahlreiche Theorien, erklärt Dr. med. Victor Colin, stellvertretender Chefarzt der HNO-Abteilung, aber keine habe das Geheimnis um diesen Reflex bisher vollständig gelüftet. Das überrascht, gähnen wir doch zwischen drei- und zehnmal am Tag, gewissen Studien zufolge sogar bis zu zwanzigmal am Tag.
Eine Theorie geht davon aus, dass Gähnen die Wachsamkeit steigert. «Das würde erklären, warum wir nach dem Aufwachen, abends, während wir verdauen und immer dann, wenn unsere Wachsamkeit vermindert ist, gähnen», meint Victor Colin. «Der Mechanismus induziert eine Art Pumpeffekt der arteriellen Blutströme im Gehirn, der sich auf die Dynamik der Gehirnflüssigkeiten auswirkt und so Giftstoffe ausscheiden könnte.»
Eine andere Theorie besagt, dass die Muskeln der Mundhöhle gedehnt werden. «Dadurch wird das Volumen erhöht und die Muskulatur nach einer Beanspruchung entspannt. Personen, die an Dysphonie, also einer Stimmveränderung, leiden, ermutigen wir in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde deshalb zu gähnen. Das gleiche gilt auch bei Dysphagie, also bei Schluckbeschwerden. Gähnen ist zudem sehr hilfreich, um die Ohren frei zu bekommen.»
Wir alle gähnen gleich
Die Forschung mag noch über die Gründe des Gähnens rätseln, der Vorgang allerdings ist bei allen Menschen gleich. «Es beginnt mit einem tiefen Einatmen, bei dem sich der Mund weit öffnet. Die Zunge kippt nach hinten, die Nackenmuskulatur wird angespannt, manchmal schiessen uns sogar Tränen in die Augen. Es folgt eine längere Ausatmung», erklärt der Arzt.
Auch Tiere tun es uns gleich. Und geübt wird auch schon fleissig im Mutterleib: Ein Fötus gähnt mehrere Dutzend Mal am Tag. «Er dehnt seine Atemhöhle in Vorbereitung auf die Geburt und seinen ersten Schrei.»
Faszinierend ist, dass Gähnen ansteckend ist. Es reicht, dass wir jemanden gähnen sehen oder nur schon darüber sprechen – schon ist es um uns geschehen. Bestimmt haben auch Sie bei der Lektüre dieses Artikels mindestens einmal gegähnt.
Unser Mitgefühl und die Aktivierung der Spiegelneuronen, die für unsere soziale Interaktion entscheidend sind, sollen dafür verantwortlich sein. Das deutet auf eine soziale Rolle des gemeinsamen Gähnens hin, etwa, wenn die Gemeinschaft ihr Verhalten synchronisiert und sich auf die Schlafenszeit einstimmt.
Das Phänomen ist bei empathischen Menschen stärker ausgeprägt. Autistische Kinder etwa, deren Einfühlungsvermögen oft wenig ausgeprägt ist, lassen sich hingegen signifikant weniger vom Gähnen anderer beeindrucken.