«Innovationen sollen den Patientinnen und Patienten zugutekommen»

Kategorie : HFR
Authored by Priska Rauber
Mittwoch 25 März 2026
H24 Prof. Curioni

Eine Krebsdiagnose ist heute nicht mehr zwangsläufig ein Todesurteil. In nur zwei Jahrzehnten hat die Onkologie mehr Fortschritte erzielt als je zuvor. Betroffene haben heute eine doppelt so hohe Überlebenschance. Diese erfreuliche Entwicklung bringt aber – insbesondere für jüngere Patientinnen und Patienten – grosse Herausforderungen mit sich. Eine kurze Bestandesaufnahme mit Prof. Dr. med. Alessandra Curioni-Fontecedro, Chefärztin der Onkologie.

 

In der Schweiz werden jedes Jahr mehr als 40 000 neue Krebsdiagnosen gestellt – fast jede fünfte Person erkrankt im Laufe ihres Lebens an Krebs. Waren die Behandlungen früher oft schwierig und die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt, hat sich der Kampf gegen Krebs dank eines immer besseren Verständnisses der molekularen Mechanismen, der Entwicklung gezielter Therapien und der personalisierten Medizin grundlegend verändert. Und das schlägt sich deutlich auf die Überlebensrate nieder.

Noch vor dreissig Jahren betrug die 10-Jahres-Überlebensrate über alle Krebsarten hinweg weniger als 25 Prozent. Heute wird die 50-Prozent-Marke geknackt. Ein Wert, der künftig weiter steigen dürfte. Frau Curioni-Fontecedro, worauf ist diese erfreuliche Entwicklung zurückzuführen?

Es trifft zwar noch nicht für alle Tumore zu, doch generell ist die Überlebensrate stark gestiegen. Das ist insbesondere auf zwei Faktoren zurückzuführen. Erstens hat die Forschung uns geholfen, den für die Entstehung von Krebs verantwortlichen Mechanismus besser zu verstehen. Erkennen wir diesen Mechanismus, und damit Fehlentwicklungen, haben wir bessere Möglichkeiten, einzugreifen. Zweitens ist die Entwicklung therapeutischer Strategien heute sehr viel gezielter. Das Fachgebiet entwickelt sich ständig weiter. 

Wie gelingt es Ihren Teams, mit den Entwicklungen Schritt zu halten?

Innovation sehen wir in der Digitalisierung und Medikamentenentwicklung. Für beide Bereiche haben wir in unserem Team spezialisierte Untergruppen gebildet. Das ist heute unumgänglich, denn es ist schlicht unmöglich, alle Entwicklungen im Blick zu behalten! Am HFR verfügen wir über – teils europaweit anerkannte – Spezialistinnen und Spezialisten, die sich der Forschung und den Fortschritten in ihrem Bereich widmen und diese dann den Patientinnen und Patienten zugänglich machen können.

So kann man sich über brandneue Behandlungsmöglichkeiten auf dem Laufenden halten, die teilweise noch gar nicht auf dem Markt sind. Klinische Studien verschaffen den Patientinnen und Patienten Zugang zu innovativen Medikamenten vier, fünf oder gar zehn Jahre vor deren Markteinführung.


So wie Frau Schmitz-Bertogg, die an einer klinischen Studie am HFR teilgenommen hat ?

Genau. Die Patientin hat dank der neuen Immuntherapie zusätzliche Lebenszeit bekommen. Das ist eine riesige Chance. Genau dafür engagieren wir uns im Bereich der klinischen Tätigkeiten und Studien. Wir haben etwa 30 laufende klinische Studien, denn unsere oberste Priorität ist es, dass Innovationen unseren Patientinnen und Patienten zugutekommen. Es ist eine Investition in ihr Überleben. Die Teilnahme an den Studien, die Verfahren usw. setzen allerdings einen hohen Wissensstand beim Team voraus. 

Der hohe Wissensstand ist vorhanden, die Kenntnisse müssen aber auch sehr breit gefächert sein, um alle Patientinnen und Patienten individuell betreuen zu können ...

Richtig. Dies gelingt uns dank der Interdisziplinarität. Über 95 Prozent der am HFR onkologisch behandelten Fälle werden fachübergreifend besprochen (Onkologie, Radiologie, Chirurgie, Radio-Onkologie usw.). In den Tumorboards nehmen die Spezialistinnen und Spezialisten eine umfassende und regelmässige Beurteilung vor. Tumorboards gibt es für sieben Krebsarten (Darm-, Haut-, Lungen-, Prostata-, Brust-, Blutkrebs und Hirntumore). 

Und dennoch ist Krebs weltweit die zweithäufigste Todesursache und betrifft immer jüngere Menschen. Warum ist das so?

Die Inzidenz steigt, da die Bevölkerung wächst und die Menschen immer älter werden. Das Alter ist der grösste Risikofaktor. Bei der Frage, warum immer mehr junge Menschen an Krebs erkranken, tappen wir nach wie vor im Dunkeln. Einige Studien machen Mikroplastik dafür verantwortlich, andere den Lebensstil. Auch vermehrte Vorsorgeuntersuchungen werden genannt. Wahrscheinlich ist es ein Mix aus all dem. 

Welche neuen Herausforderungen bringt das mit sich?

Es geht nicht nur um medizinische, sondern auch um gesellschaftliche Herausforderungen. Bei jungen Patientinnen und Patienten spielen Parameter wie Fruchtbarkeit, Elternschaft oder die Rückkehr ins Erwerbsleben eine Rolle. Deshalb beschäftigen wir uns nicht nur mit dem Krebs, sondern auch mit dem Leben nach einer Krebserkrankung und natürlich mit der Lebensqualität.

Zu diesem Zweck wurde am HFR ein Rehabilitationsprogramm ins Leben gerufen. Junge Patientinnen und Patienten werden dabei unterstützt, so schnell wie möglich und unter den bestmöglichen Bedingungen zurück in den Alltag zu finden. Wer erwerbstätig ist oder kleine Kinder hat, kann nicht einfach mal so drei Wochen in eine Rehaklinik. Unser Programm bietet ab Beginn der Behandlung eine ambulante Rehabilitation an und ermöglicht so eine raschere Rückkehr in den Erwerbsalltag.


Gewisse Krebsarten werden so von einer akuten zu einer chronischen Krankheit. Sollte somit über die medizinische Ebene hinaus ein Paradigmenwechsel stattfinden?

Durchaus. Es geht um die öffentliche Gesundheit. Unser Rehabilitationsprogramm beispielsweise wird derzeit über Forschungsgelder des HFR und private Zuwendungen finanziert. Damit es auch künftig existieren kann und für alle Krebspatientinnen und -patienten zugänglich ist, sollte der Staat diese Programme übernehmen. Letzterer muss auch mehr tun, um Menschen, die Krebs hatten oder mit Krebs leben, besser zu reintegrieren.