Tumorboard: Gleiche Behandlungschancen für alle
Jeden Dienstag treffen sich rund 15 Ärztinnen und Ärzte zu einem multidisziplinären Kolloquium und tauschen sich zu den Brustkrebsfällen im Kanton Freiburg aus. Ziel ist es, gemeinsam eine individuelle Therapieempfehlung für jede Patientin zu erarbeiten. Auf Stippvisite.
Punkt 17 Uhr eröffnet Dr. med. Laurent Rosset die Sitzung. Die Gespräche verstummen. Rund 15 Spezialistinnen und Spezialisten versammeln sich um den grossen rechteckigen Tisch und schauen konzentriert auf den Bildschirm. Darauf zu sehen ist eine erste Mammografie. Schummerig, für den Laien rätselhaft, aufschlussreich jedoch für die anwesenden Ärztinnen und Ärzte. Wie jeden Dienstag haben sie sich für das Tumorboard des Brustzentrums Freiburg zusammengefunden.
«Die Patientin mit Jahrgang 1970 ist in guter körperlicher Verfassung und in der Menopause. Ihre Grossmutter war im Alter von 59 Jahren an Krebs erkrankt und hatte mit 73 ein Rezidiv. Bei einem Mammografie-Screening wurde ein spikulierter Herd im linken oberen äusseren Quadranten entdeckt.» Die klinischen Daten werden von der Ärztin oder dem Arzt vorgetragen, die oder der den Fall dem Tumorboard vorlegt.
Dann geht das Wort an die per Videokonferenz zugeschaltete Radiologiefachperson: «Das Echo hat das bestätigt. Die Raumforderung beträgt 17 auf 9 mm. Im MRI ist eine Satellitenläsion erkennbar.» Die Spezialistin aus der Pathologie ergänzt: «Die Biopsie, die an der Läsion im linken OÄQ durchgeführt wurde, zeigt ein infiltrierendes duktales Karzinom, Grad 2. Die Hormonrezeptoren sind positiv, ER liegt bei 90 Prozent, PR bei 70 Prozent. HER2 ist negativ.»
15 bis 30 beurteilte Dossiers
Fakt um Fakt wird vorgetragen, alle sind bei der Sache. Unmöglich für einen Laien, den Ausführungen zu folgen. «Tumorektomie und Sentinel, dann Bestrahlung und Hormontherapie», schliesst Dr. med. Laurent Rosset, Onkologe und Leiter des Brustzentrums Freiburg, und versichert sich mit einem kurzen Blick in die Runde, dass es keine Einwände gibt. Bereits erscheint das nächste Bild.
«Ziel ist es, dem Fachgremium eine Reihe von Fällen vorzulegen und ihre Meinung einzuholen, um der Patientin die bestmöglichen Chancen zu geben», erklärt Laurent Rosset im anschliessenden Gespräch. An jenem Dienstag wurden insgesamt 15 Dossiers besprochen. Es waren auch schon mehr als 30. «Keine Patientin wird im Kanton Freiburg operiert oder beginnt eine Chemotherapie, ohne dass ihr Fall im Tumorboard zur Sprache kam.»
Dieses Vorgehen ist nicht nur bei Brustkrebs üblich, auch im Prostatazentrum gehört es zur gängigen Praxis. Am HFR finden zudem wöchentlich sechs weitere Kolloquien dieser Art statt (Gastroenterologie, Pneumologie, Urologie, Hämatologie, Dermatologie und Neurologie). Fast 95 Prozent der am HFR behandelten Fälle werden fachübergreifend besprochen.
Gleichbehandlung und Effizienz
Der Austausch in den Tumorboards ist sehr technisch und effizient. «Es mag hart klingen, aber hier ist weder Ort noch Zeit für Empathie. Es geht wirklich darum, die bestmögliche Option für die Patientin zu eruieren, unabhängig von ihrem Status oder ihrer Herkunft, und ihr ggf. eine oder zwei Alternativen anzubieten.»
Die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt führt danach das Gespräch mit der Patientin und leitet alles Weitere in die Wege. Der Fall wird dem Gremium nach der Operation oder nach Abschluss der Chemotherapie erneut präsentiert, um die Behandlung zu optimieren. «Je nach Komplexität besprechen wir einzelne Fälle drei- bis viermal.»
Das Brustkrebs-Tumorboard bringt alle involvierten Spezialistinnen und Spezialisten aus der Onkologie, der Radio-Onkologie, der Onkochirurgie, der Pathologie, der Onkogenetik, der plastischen Chirurgie sowie die Breast Care Nurses an einen Tisch. «Die in der Stadt niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen stossen auch dazu, wenn sie einen Fall zu präsentieren haben. Da wir im Kanton nicht viele sind, kennen wir uns und arbeiten regelmässig zusammen. Es geht sehr kollegial zu und her.»
Steigende Fallzahlen
Als das Brustzentrum Freiburg 2017 erstmals von der Krebsliga Schweiz sowie der Schweizerischen Gesellschaft für Senologie zertifiziert wurde (ein Qualitätslabel, das übrigens 2025 bestätigt wurde), befasste sich das Tumorboard mit rund 150 Dossiers. Mittlerweile sind es jedes Jahr 300.
Wie lässt sich dieser deutliche Anstieg erklären? «Die Zahlen werden von mehreren Faktoren beeinflusst», erklärt Laurent Rosset. «Einerseits funktioniert das Screening-Programm gut. Andererseits wächst die Bevölkerung im Kanton Freiburg und die Menschen werden älter, was mit einem höheren Krankheitsrisiko einhergeht.»
Die Annahme, dass immer mehr junge Frauen an Brustkrebs erkranken, erhärtet sich statistisch gesehen nicht: Die Daten des Brustzentrums Freiburg zeigen für den Kanton proportional keinen Anstieg der Fälle. Auf nationaler Ebene gibt es erst seit 2021 ein Krebsregister, bis dahin erfassten nur einzelne Kantone diese Daten. «Es fehlt uns die nötige Grundlage, um konkrete Schlüsse zu ziehen.»
Der Kanton Freiburg verfügt mit dem Brustzentrum Freiburg und dem Prostatazentrum Freiburg über zwei medizinische Zentren, die sich auf die beiden häufigsten Krebsarten spezialisiert haben. Beide Zentren sind aus der Zusammenarbeit des HFR und des Daler-Spitals und im Auftrag der Direktion für Gesundheit und Soziales des Kantons entstanden. Die Partnerschaften beruhen auf mehreren Grundsätzen: Zugang zu medizinischer Behandlung für alle, gezielte multidisziplinäre Betreuung, eine koordinierte Behandlung, die eine zeitnahe Versorgung und eine individuelle Betreuung gewährleistet.