Mitten im Leben

Kategorie : HFR
Authored by Sophie Roulin
Mittwoch 25 März 2026
H24 Seitenwechsel

Die Abteilung Palliative Care flösst oft Angst ein. Doch wer sich von gängigen Vorstellungen löst und einen Blick in die Abteilung wagt, merkt schnell, dass der Austausch und die Beziehungen hier sehr gehaltvoll sind. Maria-Remedios Dousse und Florian Vallélian, eine Patientin und ein Pflegefachmann, geben Einblicke.

In der Villa St. François essen alle zusammen. Pflegepersonal, Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen sitzen alle am grossen «Familientisch». Die Gespräche sind lebhaft. «Und es wird viel gelacht», erzählt Maria-Remedios Dousse. Nach einer Bauchspeichelkrebserkrankung verbrachte sie im Frühling 2025 zweieinhalb Monate in der Abteilung Palliative Care des HFR Freiburg – Kantonsspitals. Einmal pro Woche kommt sie seither zur Behandlung hierher zurück. Eine schöne Gelegenheit, um sich mit den Therapeutinnen und Therapeuten sowie dem Pflegepersonal auszutauschen. Dazu gehört auch Florian Vallélian.

Wie war es für Sie, als Sie damals in die Villa St. François einzogen?

Maria-Remedios Dousse: Ich war erschöpft. Von der Krankheit, den Behandlungen und auch, weil ich weiterhin für meine Kinder und Enkelkinder Verantwortung übernehmen wollte. Für mich war der Aufenthalt hier eine Erholungskur. Zu keinem Zeitpunkt dachte ich, dass ich hier sterben würde. Von Beginn weg lag ich allen mit meinem Ziel in den Ohren. Sie sollten mich auf die Beine kriegen, damit ich im Juni an der Hochzeit meines Sohnes teilnehmen konnte.

Florian Vallélian: Eine der ersten Fragen, die wir den neuen Patientinnen und Patienten stellen, ist, was für Ziele und Prioritäten sie haben. Die einen wünschen sich ein angstfreies Leben, andere wiederum wollen nicht leiden müssen, bei Bewusstsein bleiben und für ihre Familie da sein können. Andere möchten in Ruhe sterben. Frau Dousses Ziel war es, die Hochzeit ihres Sohnes erleben zu dürfen. Es war uns ein grosses Anliegen, ihr zu so viel Kraft zu verhelfen, um ihr diesen Wunsch zu ermöglichen.

Hat es geklappt?

MD: Ja. Mein Sohn hatte eine sehr traditionelle Hochzeit, was heutzutage selten ist. Ich durfte ihn sogar zum Altar führen. Es war wunderschön!

FV: Davon erzählte sie danach allen Pflegefachpersonen mit einem riesigen Lächeln im Gesicht. Es gibt für uns keine grössere Motivation als dieses Lächeln und diese Zufriedenheit.

Es entstehen also enge Beziehungen?

FV: Alles wird hier stärker wahrgenommen. Die Patientinnen und Patienten erleben körperlich und seelisch sehr intensive Momente. Wir begleiten sie und erleben diese Momente mit ihnen. Für Überflüssiges ist hier kein Platz. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche. Alles ist aufrichtiger, authentischer.

MD: Hier schaut niemand auf die Uhr. Wir können reden, uns Zeit nehmen. Hier tauscht man sich aus. Sobald meine Gesundheit es zuliess, nahm ich an den gemeinsamen Mahlzeiten teil. Ich mochte diese einfachen, aber zutiefst friedlichen Momente.

FV: Die Abteilung Palliative Care ist tatsächlich eine besondere Abteilung. Eine agilere und personell besser dotierte Organisation ermöglicht diese gemeinsamen Momente. Die Abteilung lässt Raum, um Bilanz zu ziehen. Wie geht es weiter? Wie entwickelt sich alles? Ganz unabhängig davon, ob es nach Hause oder ins Pflegeheim geht oder das Ende naht.

Eine Rückkehr nach Hause kommt also nicht selten vor?

FV: Genau, viele Personen kommen mehrmals zu uns und gehen wieder nach Hause. Die Aufenthalte können sehr kurz, aber auch länger sein. Es gibt viele unterschiedliche Konstellationen.

MD: Die zwei Monate hier waren meine Rettung. Ich wurde wirklich verwöhnt. Kurz nach der Hochzeit meines Sohnes trafen mein Arzt und ich die Entscheidung, die Chemotherapie abzubrechen. Seither geht es mir besser und ich konnte nach Hause. Mir ist bewusst, dass wir damit den kurativen Ansatz aufgegeben haben, aber ich habe wieder mehr Lebensqualität. Ich konnte sogar in Paris die renovierte Kathedrale Notre-Dame besichtigen.

Sie kommen regelmässig her für Komfortpflege. Warum hierher und nicht anderswo in der Stadt?

MD: Weil ich hier alle kenne. Ich fühle mich gut umsorgt, auch wenn ich nicht mehr hier wohne.

Ist es nicht schwierig, mit dieser gegenseitigen Verbundenheit umzugehen?

FV: Wir tauschen uns viel im Team aus und es gibt Unterstützung. Eine Psychologin ist für die Patientinnen und Patienten, aber auch für uns da, wenn uns danach ist. Es ist wichtig, dass wir unsere Gefühle zeigen. Sie werden als menschlich angesehen, nicht als unprofessionell.

Ist man als Pflegefachperson darauf vorbereitet, dem Tod so nah zu sein und so oft mit ihm konfrontiert zu werden?

FV: Meine ersten Erfahrungen in der Palliative Care machte ich 2013. Ich war noch in Ausbildung und voller vorgefertigter Meinungen. Für mich war es ein trauriger Ort und ich hatte Angst davor, mich mit ihm auseinanderzusetzen. Trotzdem habe ich mein erstes Praktikum in der Palliative Care absolviert, als ich noch in Châtel-St-Denis war. Im Laufe der Wochen schmolzen all meine Vorurteile dahin, und mir wurde klar, dass ich eines Tages in diesem Bereich arbeiten möchte. Aber ich musste erst Erfahrungen sammeln, bevor ich dazu bereit war. Deshalb war ich zunächst in anderen Spitalbereichen tätig. 2022 habe ich dann in der Villa St. François angefangen.

Was bestärkt Sie besonders in Ihrer Arbeit?

FV: Wenn ich nach Hause komme, fühle ich mich erfüllt. Ich kann mir selbst sagen, dass ich gute Arbeit geleistet habe. Es ist unbezahlbar, wenn eine Familie, die einen Angehörigen verloren hat, zu uns sagt: «Danke für die Begleitung». Es bleibt aber eine besondere Abteilung, die nicht jeder Pflegekraft zusagt.

Wie ist es für Sie als Patientin?

MD: Es ist nicht leicht, sich auf völlig Unbekanntes einzulassen. Es ist wichtig, nicht allein zu sein. Natürlich ist da die Familie, aber oft sind da einfach zu viele Emotionen.

FV: Es stehen viele Mittel zur Verfügung, um die Menschen auf diesem Weg zu begleiten. Mit der Unterstützung der Stiftung Serenitas werden Kunsttherapie, Musiktherapie, Massagen, Hypnosesitzungen und andere Therapien angeboten. Eine Psychologin und ein Seelsorger sind regelmässig vor Ort. Auch die Angehörigen werden unterstützt.

MD: Hier wird mehr sinniert als im Alltag. Wir haben Zeit für Spiritualität. Mir persönlich hat die Kunsttherapie mehr geholfen, als ich es mir je hätte vorstellen können.

FV: Wir sind nicht dem Tod nah, wir sind dem Leben nah – bis zum letzten Atemzug. Ich mag diese Vorstellung. Es macht diese Momente zu etwas ganz Besonderem.